„Was für unreife Kindsköpfe“ – Jugendrichter Jens Buck im Interview

Jens Buck hat jeden Tag mit straffälligen Jugendlichen zu tun – er ist Jugendrichter und Pressesprecher am Amtsgericht Hannover. Buck war vor seiner Anstellung als Jugendrichter schon als Familien- und Betreuungsrichter tätig. „Das Tolle am Richterberuf ist einfach, dass man in so vielen verschiedenen Bereichen arbeiten kann“, sagt er. Mit Hannoticker  redet der Richter über Gründe, warum Jugendlichen kriminell werden und über ein falsches Bild von Jugendkriminalität in den Medien.

Jugendrichter Buck in seinem Büro

„Junge Menschen haben heute häufig einen besseren Plan von ihrem Leben“: Jugendrichter Buck in seinem Büro. (Foto: Daniel Düsterdiek)

Hannoticker: Seit 2010 sind die Verurteilungen von Jugendlichen kontinuierlich gesunken. Was sind die Gründe dafür?

Jens Buck: Ich glaube, dass junge Menschen heute häufig einen besseren Plan von ihrem Leben haben, als ihre Eltern damals. Oft wird in den Medien davon berichtet, dass eine steigende Jugendkriminalität vorhanden wäre: Man könnte meinen, die Jugend würde immer schlimmer werden. Das ist de facto aber einfach nicht so. Sämtliche Zahlen sprechen dagegen. Man stellt fest, dass wir sehr viele junge Menschen haben, die einen Plan von ihrem Leben haben und das auch sehr gut hinkriegen. Wir haben natürlich auch Problemfälle, an denen wir arbeiten müssen. Aber insgesamt sind wir auf einem sehr positiven Weg.

Hannoticker: Wie entscheiden Sie, ob sie einem Jugendlichen mit einem harten Urteil einen Denkzettel verpassen oder aufgrund seines Alters eher mild urteilen wollen?

Jens Buck: Vor dem Jugendrichter landen alle Jugendlichen und Heranwachsenden von 14 bis 21 Jahren. Bei Heranwachsenden zwischen 18 und 21 muss entschieden werden, ob beim Angeklagten Entwicklungs- und Reifeverzögerungen vorliegen. Ist das nicht der Fall, wird der Angeklagte nicht mehr nach dem Jugendstrafrecht verurteilt.

Grundsätzlich ist es so: Wenn das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommt, steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund und nicht der Sanktionsgedanke. Das ist auch vom Gesetzgeber ganz klar so formuliert. Es gibt natürlich Straftaten, die derart schwer sind, dass man nur Sanktionieren kann, etwa bei Vergewaltigungen. Aber es gibt eben auch einen Großteil von Fällen, wo man sagt: Da ist ein Mensch, der wieder auf den richtigen Weg gebracht werden muss.

Eine Haftverurteilung passiert wirklich nur bei schwersten Straftaten. Ansonsten gibt es ein sehr vielfältiges Vorgehen. Es gibt die Möglichkeit, soziale Trainingskurse oder gemeinnützige Arbeit zu verordnen. Hinzu kommen noch Mittel wie eine Geschenkauflage. Wenn jemand etwa ein Verkehrsdelikt begangen hat, dann muss er ins Krankenhaus und einem Kind, das Opfer eines Verkehrsunfalls wurde, ein Geschenk in einer bestimmten Höhe persönlich vorbeibringen. Das führt dazu, dass er sich mit der Situation auseinandersetzen muss. Es wird immer pädagogisch auf das Verfahren geguckt. Die wichtigste Frage, die wir uns stellen, ist: Was braucht dieser junge Mensch, damit er beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation keine Straftat mehr begeht?

Hannoticker: Heranwachsende über 18 haben in Deutschland schon alle Rechte. Sollten die dann nicht auch nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden?

Jens Buck: Wenn Sie sich mal angucken, wer da so mit 18 bei mir sitzt, dann merkt man schon, was für unreife Kindsköpfe das teilweise noch sind. Wir müssen uns dann letztendlich überlegen: Wie wollen wir mit diesen Menschen umgehen, wenn sie dann wirklich erwachsen sind? Wir erleben in sämtlichen Gesellschaften, die ein strenges, strafendes System haben, dass die Erwachsenenkriminalität dort deutlich höher ist als bei uns.

Es gibt einfach ein paar Menschen, die drei oder vier Umwege gehen müssen, bis sie für sich die richtige Entscheidung getroffen haben. Deswegen glaube ich, dass bis 21 zumindest die Möglichkeit des Jugendstrafrechts gegeben sein muss.

Hannoticker: Wie verläuft die Zusammenarbeit mit Jugendschöffen, also ehrenamtlichen Richtern?

Jens Buck: Ein Schöffe ist genauso ein Richter wie ich. Wir sind also drei Richter, zwei Laien- und ein Berufsrichter. Vom äußeren Ablauf her führe ich durch die Verhandlung, aber jeder Richter hat auch ein Fragerecht. Am Ende der Verhandlung ziehen wir uns dann zurück und beraten über das Ergebnis der Verhandlung. Jeder hat die gleiche Anzahl an Stimmen. Wir stimmen am Ende ab, in der Regel kommt man dann zu einem einvernehmlichen Ergebnis.

Hannoticker: Wie oft passiert es, dass sich beide Jugendschöffen gegen Sie als Berufsrichter stellen?

Jens Buck: Mir ist das noch nicht passiert. Aber es soll schon bei Kollegen vorgekommen sein. In der Regel sind das aber auch Menschen, die einen Bezug zur Jugendkriminalität haben. Mir wurde zum Beispiel einmal ein Personalbearbeiter der Telekom zur Seite gestellt und die Frage war: Wie geben wir dem Angeklagten eine Perspektive für sein Leben? Da ist natürlich so ein Personalsachbearbeiter super. In der Regel sind Schöffen und Berufsrichter ein Team.

Hannoticker: Eine Studie der Uni Bielefeld zeigt: 84 Prozent der Jungen und 69 Prozent der Mädchen haben bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres schon mindestens eine leichte Straftat begangen. Beunruhigt Sie diese Zahl?

Jens Buck: Ich glaube, dass Grenzüberschreitung einfach zum Erwachsenwerden gehört. Die Frage ist immer: Um was für Straftaten handelt es sich? Eine ganze Menge Menschen haben sicherlich schonmal einen geringwertigen Ladendiebstahl begangen. Es ist ja auch schon strafbar, einen Apfel vom Baum aus dem Nachbarsgarten zu pflücken. Ich glaube nicht, dass das besorgniserregende Zahlen sind.

Hannoticker: Neben der Grenzüberschreitung – was sind andere Gründe, warum Jugendliche kriminell werden?

Jens Buck: Es gibt immer wieder Bruchstellen im Leben, an denen das Risiko zu kriminellem Verhalten steigt. Das kann eine Scheidung der Eltern sein, oder aber auch Mobbingerfahrungen – und plötzlich fangen junge Leute an, sich zu verändern. Es gibt einen bunten Strauß von Gründen, die zu kriminellem Verhalten führen können. Aber nicht alle werden durch solche Erfahrungen kriminell.

Hannoticker: Welche Hintergründe bringen die meisten jugendliche Straftäter mit?
Amtsgericht Hannover

Das Amtsgericht Hannover ist Bucks Arbeitsplatz (Foto: Daniel Düsterdiek)

Jens Buck: Man muss schon sagen, Gymnasiasten sind bei uns auf der Anklagebank deutlich unterrepräsentiert. Aber auch die kommen. Ob jemand eine Straftat begeht, hat schon was damit zu tun, wie das jeweilige Elternhaus aufgestellt ist. Es kommt oft vor, dass ich die Eltern der jungen Täter in unserem Computersystem finde. Es ist einfach so: Kinder lernen von ihren Eltern. Sie orientieren sich an ihnen. Wenn ihnen kriminelles Verhalten vorgelebt wird, dann macht das auch was mit ihnen.

Hannoticker: Jungen werden häufiger kriminell als Mädchen. Woran liegt‘s?

Jens Buck: Diese Frage müsste man wohl eher einem Soziologen stellen (lacht). Es ist definitv so, dass Kriminalität männlich ist – sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenalter. Etwa 80% aller Straftaten werden von Jungen (und später von Männern) begangen. Es gibt ein einziges Delikt, bei dem Mädchen genauso viele Straftaten begehen wie Jungen: Ladendiebstahl. Shopping ist weiblich, dort haben wir zu 51% männliche und zu 49% weibliche Täter. Aber gerade bei Körperverletzungs- und Raubdelikten sind die Jungen noch deutlich über 80%.

Es ist einfach so, glaube ich zumindest, dass Jungen und auch Männer eher in diesem „Revierdenken“ sind. Deswegen geraten sie auch eher in körperliche Auseinandersetzungen. Auch sind sie wohl stärker statusgeprägt, was ein Grund für den Überhang bei Eigentumsdelikten ist – und auch weniger empathisch mit den Opfern. Ich glaube, Frauen haben andere Konfliktlösungsmöglichkeiten und sind verbal auch ein bisschen geschickter als wir. Dadurch können sie eine ganze Menge von Problemen verhindern.

Hannoticker: Wie beeinflusst eine Verurteilung als Jugendlicher denn dessen zukünftiges Leben?

Jens Buck: Die gute Nachricht ist: Das polizeiliche Führungszeugnis beinhaltet für fast alle Arbeitgeber keine Straftaten im Jugendalter. Das bedeutet konkret: Bei der Bewerbung darf ich mich auch als unbestraft bezeichnen, sonst hätte ich kaum eine Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Es gibt lediglich ein Erziehungsregister, in das aber nur Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und Bundeswehr reinschauen dürfen.

„Viele Hunderte Urteile gesprochen“ (Foto: Daniel Düsterdiek)

Hannoticker: Ist Ihnen aus ihren Jahren als Richter ein Urteil besonders im Kopf geblieben?

Jens Buck: Oha, ich habe viele Hunderte Urteile gesprochen. Aber ich fand einen Fall besonders erschreckend: Ein Enkel hat gemeinsam mit seiner Mutter das Blindengeld der Oma veruntreut. Die Oma sollte eigentlich durch staatliche Leistungen bessergestellt werden und Hilfe zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erhalten. Ihr wurde das Geld einfach weggenommen, damit die Familie der Mutter und des Enkels besser leben konnte. Sowas finde ich einfach zwischenmenschlich sehr, sehr verwerflich. Aber das waren wirklich grausame Umstände.

Man erlebt hier eben auch Menschen, die man nicht unbedingt treffen möchte. Aber man erlebt hier auch sehr viele Geschichten, die optimistisch stimmen – wenn sich Täter und Opfer am Ende wieder die Hand reichen können zum Beispiel. Wenn sich Täter und Opfer auf dem Schulhof wiedersehen, dann ist es schon von Vorteil, wenn es dann keinen Stress gibt.

An diesen Stellen merkt man, dass unsere Arbeit oft sehr erfolgreich ist. Neun von Zehn jugendlichen Straftätern kommen bei uns nicht in der Erwachsenenabteilung an. Das ist eine Erfolgsquote von 90% und das ist aller Ehren wert, finde ich.

Wo wir selbstkritisch rangehen müssen: Ein kleiner Teil dieser Täter, die Intensivtäter, sind sehr schwer zu erreichen. Um straffreies Verhalten zu erlernen, ist zum Beispiel Schule ein ganz wichtiger Ort. Dort geht es darum, mit Frustration umzugehen und bei Konflikten einen Weg zu finden, ohne zuzuschlagen. Und die jungen Intensivtäter, die wir haben, gehen oft schon lange Zeit nicht mehr zur Schule. Die haben somit eine sehr niedrige Frustrationstoleranz. Da muss nur einer mal schräg gucken und die flippen aus – und sind dann in neue Straftaten verwickelt.

Hannoticker: Vielen Dank für das Interview.

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